|
Raumschots durch die Ägäis |
|
|
|
Zwischen Bodrum, Rhodos und Fethiye – Ein Herbstsegeltörn des RKC Wörth führt durch das östliche Mittelmeer
|
|
Langsam schiebt sich das Flugzeug über eine Landschaft aus grünen und braunen Quadraten, aus dem Fenster sind kurz nach dem Start in Stuttgart die Silhouetten des Starnberger Sees und des Ammersees zu erkennen. Das schneebedeckte Dach der Alpen verschwindet bald unter einer dichten Wolkendecke, die erst kurz vor der Landung auf dem westtürkischen Flughafen Dalaman wieder aufreißt. In der Dämmerung werden die Lichter kleiner Küstenorte erkennbar.
|
| Wir sind der Einladung Wolfgang Endles gefolgt, in der letzten Oktoberwoche durch die östliche Ägäis zu segeln. Der erfahrene Skipper und Navigationslehrer des RKC Wörth hat für den One-Way-Törn bewusst die südöstliche Richtung gewählt: „Zu dieser Jahreszeit herrschen in der Region vorwiegend nordwestliche Winde, dann segeln wir hoch und trocken vor dem Wind.“ Ein ständiges Ankreuzen gegen den Wind wäre zu einer feuchten Angelegenheit geworden. |
 |
 |
Bevor wir allerdings mit sechs Männern und zwei Frauen von Bodrum aus auf unserem 45-Fuß-Schiff in See stechen können, ist noch Einkaufen und Ausklarieren angesagt. Wir wollen die türkischen Hoheitsgewässer verlassen und müssen daher einen kleinen Behördenmarathon bewältigen. Zwei Crewmitglieder sammeln die Pässe ein und absolvieren die Pass- und Zollkontrolle und die Abmeldung bei der Hafenbehörde. Dann geht es endlich los. Nach einer morgendlichen Flaute frischt es kräftig auf, die zehn Seemeilen nach Kos sind unter geblähten Segeln schnell abgeritten. |
| Wir sind zugleich von einer rein türkischen in eine rein griechische Welt gewechselt. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und erbitterten Nationalitätenkämpfen mussten Anfang der Zwanzigerjahre über eine Million Griechen Kleinasien und hunderttausende Türken die Inseln der Ägäis verlassen. Im historischen Erscheinungsbild sind sich Städte wie Bodrum und Kos jedoch sehr ähnlich geblieben: ein mächtiges Kreuzfahrerkastell an der Hafeneinfahrt, Reste klassischer Altertümer und Minarette von islamischen Gotteshäusern. |
 |
| Während in Bodrum aus Lautsprecheranlagen der Gebetsruf des Muezzin erschallt, ist die Moschee von Kos allerdings längs in ein Café umgewandelt. Beim abendlichen Spaziergang erinnern uns neonblau erleuchtete Kreuze auf Kirchtürmen daran, dass wir uns in der Welt des orthodoxen Christentums befinden. |
| Bei einem kräftigen Nordwest rauschen wir weiter raumschots mit weit aufgefierten Segeln durch die Ägäis. Am Ruder steht viele Stunden der automatische Steuermann, ein mit dem GPS-System gekoppelter Autopilot, der wie von Geisterhand auch kleinste Kursabweichungen korrigiert. Die Crew genießt derweilen kühle Getränke und erfreut sich an Wind, Wellen und dem Anblick der vorbeiziehenden Inselwelten. |
 |
| Nach einem Zwischenstopp in der idyllischen Bucht des Klosters Panormitis auf der Insel Symi erreichen wir am dritten Tag Rhodos. Auch hier absolvieren wir das für viele Mittelmeerhäfen typische Anlegemanöver: von der Hafenmitte rückwärts mit rasselnder Ankerkette an die Kaimauer, dann am Heck links und rechts zwei Festmacher ausbringen und die kleine Gangway runterlassen. Im Hafen von Rhodos quietschen zudem kräftig die Fender, die von dem Hafenmeister zugewiesene Haltebox ist extrem schmal. |
 |
 |
| Den Koloss von Rhodos hatte ein Erdbeben vor gut 2200 Jahren nur wenige Jahrzehnte nach seiner Errichtung aus den Sandalen kippen lassen. Das gigantische Kastell des Johanniterordens aus dem Mittelalter überragt noch heute die Altstadt von Rhodos. Wir genießen die abendliche Ruhe in den pittoresken Gassen, auf den großen Plätzen verstellen uns nach dem Abzug der großen Touristenmassen nur noch wenige Kellner mit aufgeklappten Speisekarten den Weg. Dafür sind an diesem lauen Oktoberabend offensichtlich einige herrenlose Hunde unterwegs. Ein großer gelber Vierbeiner folgt uns eine zeitlang ohne ersichtlichen Grund, bevor er plötzlich grußlos im Dunkel einer Seitengasse verschwindet. |
| Nach einer teilweise stürmischen Nacht im Hafen schläft der Wind gegen Morgen ein. Bei strahlend blauem Himmel motoren wir in östlicher Richtung auf die türkische Küste zu. Als Wegmarke am Horizont erscheint schon bald der Baba Dagi, ein 1970 Meter hoher Berg des lykischen Taurusgebirges. In der Bucht Gemiler Adasi empfangen uns fröhlich mobile Brot-, Früchte- und Gemüseverkäufer. Ein jugendlicher Jetskifahrer versucht mit wilden Bocksprüngen, die Aufmerksamkeit von blonden Touristinnen des Nachbarschiffs auf sich zu lenken. |
 |
| Nach dem Abzug der motorisierten Plagegeister schwimmen wir einige Runden um unser Schiff, das grünblaue Wasser ist auch Ende Oktober noch über 20 Grad warm. |
| Den nächsten Tag setzen wir mit dem Schlauchboot auf die Pilgerinsel St. Nicholas über und lassen vor einer byzantinischen Kirchenruine aus dem 7. Jahrhundert den Blick über die Bucht schweifen, in der unsere Yacht neben zwei türkischen Gülets, Zweimastern aus Zedernholz, vor Anker liegt. Nach einem kurzen Abstecher an den Traumstrand Ölüdeniz motoren wir bei immer noch flauen Winden auf den Golf von Fethiye zu, wo weitere geschützte Badebuchten auf uns warten. An Back- und Steuerbord tauchen Delfine auf. „Die neugierigen Tiere werden vermutlich durch die Schraubengeräusche angelockt“, erklärt Skipper Endle. |
|
Einklarieren im Hafen von Fethiye und Taschen packen, mit einem Besuch des Basars in der Altstadt beenden wir unseren Segeltörn. Einige grell geschminkte englische Touristen mit Bierflaschen in der Hand erinnern uns daran, dass am letzten Oktobertag Halloween gefeiert wird. Am Morgen des Allerheiligen weckt uns vor unserem Rückflug nach Deutschland ein letztes Mal der Gebetsruf des Muezzin.
Axel Lange
|
 |
|